Aktuelles
01.06.2022

Neubürger im Tier- und Pflan­zen­reich: dulden oder Bekämpfen?

Immer wieder hören wir auch in unserem Land von sogenannten „Natur­ka­ta­strophen“ in Form von fremden Eindring­lingen in der Tier und Pflan­zenwelt: Neobionten heißen diese „biolo­gi­schen Neubürger“ und werden unter­teilt in Neophyten (Neubürger aus der Pflan­zenwelt) und Neozoen (Neubürger aus der Tierwelt).

Sowohl durch den globalen Personen- und Waren­verkehr als auch durch gezielte oder verse­hent­liche Ausset­zungen, kam es vor allem in den vergan­genen Jahrzehnten zu zahllosen „Durch­mi­schungen der globalen Natur“. Mit z.T. katastro­phalen Folgen: das verse­hent­liche Entkommen von Schiffs-Ratten auf entfernten tropi­schen Inseln führte dort zu einem völligen Verlust boden­brü­tender Vogel­arten – als man dann eine Schlange zur Ratten­be­kämpfung aussetzte, fraß diese aber viel lieber baumbrü­tende Vogel­junge als halbwegs wehrhafte Ratten.

Eines der inzwi­schen zahllosen weltweiten Beispiele wie wir mit unserem allzu begrenzten Verstand auch immer wieder versuchten „Ökosysteme zu richten“.

Aus Fehlern nur begrenzt lernen

Gerade die Forst­wirt­schaft hat auch schon vor der Klima­ka­ta­strophe immer wieder ihr Heil in neuen Wunder­bäumen gesucht – und immer wieder aufs neue fast stets katastro­phalen Schiff­bruch erlitten.

Und auch aktuell bringt die „innovative Forst­wirt­schaft“ auf der einen Seite wieder neue Neobionten ein (mit Voll-Exoten wie Zedern, Schwarznuss o.ä.) – anderer­seits werden jedoch auch immer noch schon etablierte Neobionten militant bekämpft (wie die Ameri­ka­ni­schen Trauben­kirsche, die auch einst von „innova­tiven Forst­leuten“ angeschleppt wurde.)

Auch die forst­liche Geschichte lehrt offenbar, dass sie nichts lehrt.

„Natur­ka­ta­strophe“ Roteiche

„Gleicher Standort, unter­schied­liche Baumarten – unter dem Rotei­chenwald im Vorder­grund wächst nahezu nichts“ (Foto: Urs Hanke)

Auch die Roteiche ist ein klassi­sches forst­liches Negativ­bei­spiel: Als „forst­licher Neophyt“ und einer der zahlreichen „forst­lichen Wunder­bäume“ wurde sie schon vor vielen Jahren aus Nordamerika bei uns heimisch gemacht. Inzwi­schen wissen wir, dass man aus ökolo­gi­schen Gründen von einer weiteren Etablierung aber definitiv absehen sollte: Das Laub dieser Baumart zersetzt sich unter mittel­eu­ro­päi­schen Verhält­nissen extrem schlecht (es fehlen die hochspe­zi­fi­schen Zerset­zer­ketten) daher bilden sich u.a. in Rotei­chen­be­ständen dicke „Laub-Packungen“ und lassen praktisch keine Boden­ve­ge­tation zu. Rotei­chen­wälder sind daher bei uns extrem arten- und vegeta­ti­onsarm und bieten daher auch kaum attraktive Äsung für heimi­sches Wild. Zudem werden die Früchte der Roteiche meist deutlich weniger vom Wild geschätzt als heimische Eichen­arten… – die Herbst­ver­färbung ist aber ohne Zweifel meist ausge­sprochen hübsch. 

Es gibt aber auch Hoffnungsschimmer…

Es gibt aber durchaus auch Hoffnungs­schimmer an der „Neobio­n­ten­front“: Das Kleine Spring­kraut (Impatiens parviflora) ist ein aus Asien einge­wan­derter Neophyt, der sich seit etlichen Jahren in deutschen Wäldern immer mehr ausbreitet. Dabei besiedelt das Kleine Spring­kraut bislang überwiegend sehr schattige Waldstandorte, die von kaum einer anderen heimi­schen Art bislang besiedelt wurden – das kleine Spring­kraut tritt also kaum verdrängend auf, sondern besetzt eine bislang offenbar „weitgehend freie Planstelle“ am heimi­schen Waldboden.

Seit einigen Jahren bauen sich bei dieser Pflan­zenart nun langsam Nutznießer- und Verwert­er­ketten auf: Immer mehr Insekten entdecken das Kleine Spring­kraut und nutzen es als Nahrung – sogar Rotwild wurde jüngst schon beim Naschen des Kleinen Spring­krautes nachge­wiesen. Es besteht also die berech­tigte Hoffnung, dass diese Art zukünftig ihre Rolle im heimi­schen Natur­haushalt findet und dort einen gut vernetzten Platz einnimmt – ohne offenbar zu einer kompletten „Havarie“ des Systems beigetragen zu haben.

Pauscha­li­sie­rungen sind immer von übel

Pauscha­li­sie­rungen sind also bei unseren Neobionten nicht angebracht und wir müssen immer abwägen, ob wir mit einer militanten Bekämpfung nicht noch mehr Schaden anrichten oder ob wir mit durch­dachtem Handeln Schaden wirksam begrenzen.

Wo wir mit vertret­barem Aufwand bspw. lokal und klein­flächig auftre­tende Neophyten (Riesen-Bärenklau, Japan-Knöterich, Roteichen, Nordame­ri­ka­nische Trauben­kirsche)  wirksam elimi­nieren können – sollten wir dies durchaus tun.

Wo der Zug aber „endgültig abgefahren“ ist (wie bspw. bei zahlreichen inzwi­schen etablierten Insek­ten­arten oder weitest­gehend bei Waschbär und/oder Marderhund) hilft leider häufig nur eine gehörige Portion Gelassenheit.

Wenn wir hier anfangen zu bekämpfen, wird das der berühmte selbige Kampf gegen Windmühlen – der ja bekann­ter­maßen unergiebig und aussichtslos war – und ist.

Burkhard Stöcker  

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