Besatz von Aalen in der Schilde – Ein Beitrag zum Erhalt des Europäischen Aals
Die Schilde gehört zum Gewässersystem der Elbe. Als Nebenfluss fließt sie über die Sude in die Elbe. Aufgrund der Fischaufstiegsanlage an der Wehranlage Geesthacht wäre eine Durchgängigkeit für wandernde Fischarten bis in die Nordsee gegeben. Das ist insbesondere für den Europäischen Aal (Anguilla anguilla) existenziell, da er sich nur natürlich vermehrt, Versuche ihn künstlich nachzuziehen, sind bislang erfolglos geblieben.
Beim Aal handelt es sich um eine bemerkenswerte Fischart. Forscher gehen davon aus, dass sie seit Millionen von Jahren in den Gewässern der Erde leben, die heutige Form des Europäischen Aal soll sich vor etwa 40 Millionen Jahren entwickelt haben. Diese Entwicklung ist eng mit der Kontinentaldrift verbunden; die Trennung von Europa und Afrika ermöglichte die Entstehung der heutigen Atlantik-Populationen. So besteht eine enge Verwandtschaft zum Amerikanischen Aal (Anguilla rostrata), mit welchem er sich sein Laichgebiet die Sargassosee teilt. Die Sargassosee ist ein Meeresgebiet im Atlantik östlich Floridas. Die Bermuda Inseln liegen in ihrer westlichen Randzone.

Alle Europäischen Aale, die in unseren Gewässern vorkommen, stammen aus der Sargassosee. Der Europäische Aal pflanzt sich ausschließlich in der Sargassosee fort. Wie er sich in den Tiefen des Atlantiks fortpflanzt, ist sein Geheimnis, welches bisher noch nicht gelüftet werden konnte. Angesichts des Alters der Art ist erstaunlich, wie wenig man über den Aal weiß. Bezeichnenderweise sah man die Aallarven im Atlantik bis zum 19. Jahrhundert als eigene Art (planktonisch) an, da sie noch nicht die schlangenartige Körperform aufweisen, sondern weidenblattförmlich sind. Diese Form wandelt sich erst im Laufe der Reise an die europäischen Küsten. Diese dauert ca. 3 Jahre und die Aale haben bei der Ankunft nun die typische Aalform (5–7 cm groß), sind dann aber noch durchsichtig und werden als Glasaal bezeichnet. Die Färbung zum „Gelbaal“ erfolgt während des Aufenthalts in den europäischen Gewässern. In früheren Zeiten waren die Glasaale so zahlreich, dass sie als Hühnerfutter, zur Düngung der Felder oder zur Herstellung von Klebstoffen genutzt wurden.


Das Aufkommen der Glasaale ist seither stetig zurückgegangen und ab den 70iger Jahren des letzten Jahrhunderts um mehr als 90% eingebrochen. Welche Ursachen hier die entscheidende Rolle spielen, ist ungeklärt. Ob veränderte Meeresströmungen im Atlantik, Krankheiten, Fressfeinde, verbaute Gewässer oder die Überfischung – sowohl der Glassaale als auch der adulten Aale – hauptsächlich verantwortlich sind, ist je nach Interessenlage umstritten. Fakt bleibt leider der Rückgang, was dazu führt, dass der Europäische Aal bedroht und als „critically endangered“ auf der internationalen Roten Liste (IUCN 2008, 2014) eingestuft ist. Die einzige Entwicklungsform des Aal, die nicht intensiv (über)fischt wird ist seine erste Lebenszeit als plantonische Larve. Besonders verherrend wirkt in dieser Situation der Glasaalfang für den illegalen Export in Aalfarmen oder gleich als Glasaal-Delikatesse. Zumindest dieses Schicksal verbleibt den von der Stiftung in diesem Jahr in die Schilde eingesetzten Aalen erspart.
Die Stiftung hat sich entschlossen den Besatz mit vorgestreckten Aalen von ca. 20–30 cm durchzuführen, da die Überlebenschancen im Vergleich zu Glasaalen deutlich höher sind. Die Aale werden sich nun für längere Zeit im Gewässer aufhalten und im Alter zwischen 10–15 Jahren – je nach Geschlecht und Wachstum- die Rückkehr in die 6.500 km entfernte Sargassosee aufnehmen. Zu dieser Reise wandeln sie sich in die sogenannten Blankaale um. Der Nahrungs-/Verdauungstrakt bildet sich zurück, die Augen vergrößern sich und die Färbung geht ins Silberne. Die weiblichen Aale dürften dann im Regelfall eine Länge bis zu einem Meter (in Ausnahmefällen darüber) erreichen die männlichen Aale werden maximal 60 cm lang. Für diese Reise an ihre Geburtsstätte benötigen sie wiederum ca. 3 Jahre. Wie sie sich dorthin orientieren, ist ebenso ungeklärt. Der außergewöhnliche Geruchssinn – einer der besten im gesamten Tierreich – er wäre in der Lage einen Tropfen Rosenöl in der Wassermenge des Bodensees zu riechen – wird dabei sicherlich hilfreich sein.
Mit der Ankunft in der Sargassosee beginnt mit dem Ablaichen der letzte Lebenszyklus des Europäischen Aals. Wie sich sein Lebenskreislauf schließt und für seine Nachkommen neu beginnt, bleibt bisher sein Geheimnis, geschützt in den Tiefen der Sargassosee.
Jan Pagels