Aktuelles
06.05.2020

Gefährdet – Geschützt – Gehät­schelt

Das Rebhuhn kurz vor dem Aussterben! Der Biber auf dem Vormarsch! Bald schaukelt der letzte Kiebitz durch die Lüfte! Der Wolf knackt die 1000er Marke, der Kranich die 10000er! Da kennt sich noch einer aus! Ja was denn nun? Geht’s jetzt bergauf oder bergab? Wie immer steckt natürlich, wenn auch dieses Mal nicht der Teufel, sondern nur die artspe­zi­fische Entwicklung im Detail.

Nehmen wir einmal den Kranich. Sein kometen­hafter Aufstieg im Verlaufe der letzten zwei, drei Jahrzehnte ist eine erfreu­liche Arten­schutz­ent­wicklung – hat mit „Natur­schutz“ aber fast überhaupt nichts zu tun: Die Ernte­rück­stände auf den immer zahlrei­cheren Maisfeldern führten zu einer soliden Herbst­kon­dition sowohl der Alt- als auch der Jungvögel. Die praktisch in den letzten Jahren kaum noch vorhan­denen Winter ersparen den Vögeln z.T. den anstren­genden Herbstzug und verringern die Wintersterb­lichkeit. Und die zuneh­mende Flexi­bi­lität in seiner Brutplatzwahl erschließt ihm neue Lebens­räume: Der Zwang zum großen, unzugäng­lichen, menschen­feind­lichen Sumpf ist für den großen Stelz­vogel inzwi­schen Geschichte – „Straßen­graben“ ist das neue (gewiss etwas überzeichnete…) Stichwort. Und trotzdem feiert der Natur­schutz den Kranich beständig als Erfolgs­ge­schichte. Die einzigen, die wirklich für diese Erfolgs­ge­schichte verant­wortlich gemacht werden könnten, wären die Landwirte, die auf den riesigen Maisschlägen unbeab­sichtigt den positiven Bestan­des­trend des Kranichs fördern. Ich kann mich jedoch an keine Dankes­kam­pagnen erinnern, in denen die Landwirt­schaft für ihren „Kranich-Überwin­te­rungs-Bestan­des­stüt­zungs-Einsatz“ von NABU, BUND, WWF und Co. gebührend gefeiert wurde.

Der Kranich hat einen in Jäger­kreisen sehr wohl bekannten „Säuger-Zwilling“: Das Wildschwein. Auch unsere Sauen profi­tieren vom Maisanbau, milden Wintern und der häufigen Mast der Laubbäume (Kraniche nehmen übrigens, wann immer möglich, ebenfalls gern und begierig Eicheln auf!). Hinzu kommt beim Schwarzwild noch die enorme Repro­duk­ti­ons­fä­higkeit. Die Zunahme von Kranich und Wildschwein ist also prinzi­piell den gleichen Gründen geschuldet – der Kranich ist also nichts weiter als das „Wildschwein der Lüfte“. Ein gefie­derter und ein borstiger Kultur­land­schafts­ge­winner können sich da „Ständer und Lauf reichen“!

Der Natur­schutz lässt sich für den positiven Bestan­des­trend beim Kranich (ungerecht­fertigt?) ordentlich feiern, die Jäger­schaft hingegen lässt sich für den positiven Bestan­des­strend beim Schwarzwild (unberechtigt?) anständig schelten – „Ehre wem Ehre gebührt“, passt auch nicht immer. Kranich und Wildschwein sind aber nicht die einzigen Arten, denen es in unserer Kultur­land­schaft zunehmend besser geht.

Foto: Burkhard Stöcker
So erfreulich der Anstieg der Graugans- und der Kormoran­po­pu­lation sind – leider taugen beide nur sehr wenig als Natur­schutz­in­di­kator.

Der Bestand der heimi­schen Graugans stieg von ca. 6.000–8.000 Paaren Mitte der neunziger Jahre auf aktuell ca. 50.000 Paare an, der Brutbe­stand der Kanadagans von knapp 500 Mitte der neunziger Jahre auf inzwi­schen weit über 10.000 Paare, und der Bestand des „Neubürgers“ Nilgans geht seit Jahren durch die Decke und hat sich innerhalb von nur zwei Jahrzehnten von 250 auf über 10.000 Paare verzig­facht. Gänse fressen ganzjährig fast nichts weiter als einfaches Gras (und dazu zählt auch Getreide – „auf Kornertrag gezüch­tetes Gras“!) und anderes Grünzeug und stellen an ihren Brutplatz keine beson­deren Ansprüche.

Der Kormoran kam 1990 mit einem Brutbe­stand von nicht einmal 6.000 Brutpaaren in 22 Kolonien in Deutschland vor – inzwi­schen sind es ca. 26.000 Brutpaare in über 100 Kolonien. Der Kormoran profi­tiert in erster Linie von überdüngten Gewässern, in denen sich feiste Weißfische tummeln.

Und der Wander­falke (früher vom Natur­schutz durch Brutplatz­be­wa­chung ähnlich spekta­kulär geschützt wie die letzten „West-Kraniche“ vor der Wende) hat sich in den vergan­genen Jahrzehnten prächtig entwi­ckelt. Er ernährt sich vielseitig von Vögeln aller Art, häufig profi­tiert er von den Bemühungen eifriger Brief­tau­ben­züchter und den „fliegenden Ratten der Städte“.

Auch unter den Säugern gibt es zwei große „Natur­schutz Flagg­schiffe“, die sich in den letzten beiden Jahrzehnten prächtig entwi­ckelt haben: Der Bestand des Bibers ist inzwi­schen auf über 25.000 Exemplare bundesweit angewachsen, und Meister Bockert tummelt sich längst nicht nur an natur­nahen Gewässern, sondern vielfach an Vorflutern und in schnöden Entwäs­se­rungs­gräben. Der „Anpas­sungs­künstler par excel­lence“ schließlich, der Wolf, frisst flexibel alles was ihm in den Fang kommt, von der Maus bis zum Maulesel, von der Graugans bis zum Wildschwein.

Bei all diesen Arten wird eine „Natur­schutz-Entwicklung“ gefeiert, die fast nichts mit der Neuschaffung von Lebens­räumen oder mit substan­ti­eller Biotop­ver­bes­serung zu tun hat – sondern eigentlich eher mit einer Verarmung hin zur „einsei­tigen Agrar­s­teppe“! Wir freuen uns über die Zunahme bestimmter Tierarten – aber die Landschaft verarmt weiter. Ja, manche Arten streuen uns vielleicht geradezu Sand in die Augen, so dass wir nahezu blind werden für das was seit Jahrzehnten mit unseren Landschaften passiert…

Gänse, Kormoran, Kranich, Biber – aber auch Reh, Damhirsch, Rothirsch, Wildschwein …

Aber nicht nur der Natur­schutz hat seine „Hätschel­kinder“ die Erfolge oft nur vortäu­schen – auch die Jägerei hat sie: Die Schalen­wild­be­stände in Deutschland haben in den letzten Jahre eine histo­risch einmalige Höhe erreicht. Und auch das liegt erstaunlich wenig an der „Hand des Hegers“. Wir haben so vitale Bestände unserer großen jagdbaren Pflan­zen­fresser, weil sie allesamt (wie die vorstehend genannten Vorzei­ge­arten des Natur­schutzes) recht flexible Arten sind, die mit unseren vom Mensch frisierten Landschaften gut klar kommen.

Natürlich sind sowohl die Ziehkinder des Natur­schutzes als auch jene der Jägerei zuerst einmal erfreu­liche Entwick­lungen: Schön, dass es so vielen großen Tieren in unserer Kultur­land­schaft ausge­sprochen gut geht!  Ein guter Teil unserer landschaft­lichen Lebens­qua­lität ist ganz gewiss eng mit der Präsenz von großen, Tierarten verbunden: Ich freue mich an großen Kranich­scharen und kopfstarken Hirsch­rudeln!

Foto: Burkhard Stöcker
Auch üppige Schalen­wild­be­stände sind unzwei­felhaft des Jägers Freude – aber leider kein Zeichen für „blühende Landschaften“.

Aber ein paar große präsente Kultur­land­schafts­ge­winner sind aus der Sicht von Biodi­ver­sität, Struktur- und Arten­reichtum einer Landschaft leider längst nicht alles: Wir haben im Verlaufe des letzten halben Jahrhun­derts über 80%(!) unserer Insek­ten­masse verloren, über 90%(!) unserer Klein­ge­wässer. Vogel­arten wie das Birkhuhn, die Bekassine, der Kiebitz, das Rebhuhn haben im letzten halben Jahrhundert z.t. über 90%(!) ihres Bestandes eingebüßt. Und diese Liste ließe sich beliebig verlängern… – Feldraine, Brachen, blumen­reiche Wegränder, nährstoffarme Trocken­biotope, prägende Einzel­bäume der Landschaft. Die reich­ge­staltete Klein­struk­tu­riertheit unseres „Lebens­raumes Landschaft“ ist einer mehr oder minder großen Monotonie gewichen in der „von wenigen Arten viele“ statt „von vielen Arten wenige“ vorkommen. Darüber täuscht auch das Trompeten der zahlreichen Kraniche und das Geschnatter der noch zahlrei­cheren Gänse nur oberflächlich hinweg.

Und bei allen Arten, die „gut zu Recht kommen“, lassen früher oder später Konflikte und Probleme auch kaum auf sich warten: Gänse und Gras- (Land)Wirte, Kormoran und Fisch-Wirte, Biber und Wasser-Wirte, Wölfe und Vieh-Wirte, Wander­falke und Tauben-Wirte, Wildschwein und Land-Wirte, restliches Schalenwild und Forst-Wirte. Über die Tiere die uns bei unserem Wirtschaften stören, wird oft viel heftiger disku­tiert und gerungen als über das  zahlreiche Heer jener, die unmerklich aus unserer Welt verschwinden. Wer kennt schon den Steppen­gras­hühfer (Chortippus vagans) eine der seltensten Heuschrecken Mecklenburg-Vorpom­merns. 

Natur­schutz mit Landnutzung – Landnutzung mit Natur­schutz

Der Natur­schutz muss bei der Betrachtung seiner Arbeit die Landnutzung viel mehr in den Focus nehmen – und die Landnutzung muss bei ihrer Arbeit den Natur­schutz weitaus mehr berück­sich­tigen. Wenn die Landwirt­schaft regis­triert, dass bspw. Feldlerche, Rebhuhn und Braun­kehlchen in ihren Beständen katastrophal zusam­men­brechen – muss sie nach intel­li­gen­teren Wirtschafts­weisen suchen. Und wenn der Natur­schutz merkt, dass Kormoran, Biber und Wolf mit berech­tigten Landnut­zungs­in­ter­essen zunehmend kolli­dieren muss für diese (inzwi­schen ungefähr­deten Arten) nach einem ausglei­chenden, intel­li­gen­teren Management gesucht werden.

Ein Natur­schutz, der sich auf Total­schutz fokus­siert und eine Landnutzung, die auf Teufel komm raus wirtschaftet, sind nichts weiter als sektorale Fehl-Entwick­lungen! Bei einer ganzheit­lichen Betrachtung von Landschaften als Arbeits‑, Wirk- und Lebensraum darf es klein­räumig gewiss sowohl den Total-Schutz als auch die Total-Wirtschaft durchaus geben. Aber beide müssen die Ausnahme bleiben. Wir brauchen „in der Fläche“ integrierte Konzepte, die Wirtschaft­lichkeit und Natur­schutz intel­ligent mitein­ander verbinden. Hierzu gibt es viele erfolg­ver­spre­chende Ansätze…und bei vielem stehen wir erst am Anfang…

Burkhard Stöcker

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