Aktuelles
15.05.2020

Giftpflanzen im Nahrungs­spektrum des Wildes

Was für Menschen giftig ist, muss für heimische Wildtiere noch lange nicht ungenießbar sein. So gibt es zahlreiche Beispiele, in denen für uns hochgiftige Pflanzen zum täglichen Äsungs­spektrum des Wildes zählen.

Foto: Hermann Schmider
Der Fingerhut, an dem sich auch das Rotwild gerne gütlich tut, ist unsere pharma­zeu­tisch bedeut­samste heimische Wildpflanze. Alljährlich werden die Blätter in großen Mengen geerntet und zu Herzprä­pa­raten weiter­ver­ar­beitet.

Vor mehr als vierhundert Jahren formu­lierte der große Arzt Parecelsus: „Solo dosis facit – die Menge macht das Gift“. Kurz und treffend erkannte er damals, was auf einen Großteil der heimi­schen Heil- und Giftpflanzen zutrifft: Was in geringen Mengen heilsam ist, kann, um nur weniges vermehrt, schädlich wirken. Im Grunde trifft dies jedoch auf sämtliche Nahrungs­mittel zu – wer sich ausschließlich von Brot oder von Fleisch ernährt, wird sich innerhalb kurzer Zeit vergiften.

So unter­schiedlich wie die Wirkungen einzelner Pflanzen auf den Körper sind, so verschieden reagieren auch die einzelnen Arten von Lebewesen auf bestimmte Inhalts­stoffe oder Pflanzen. Was für uns Menschen giftig ist, muss für heimische Wildtiere noch lange nicht ungenießbar sein. So gibt es zahlreiche Beispiele, in denen für uns hochgiftige Pflanzen zum täglichen Äsungs­spektrum des Wildes zählen.

Foto: Bronisław Dróżka
Eibe

Eine der giftigsten heimi­schen Baumarten, die Eibe (Taxus baccata), erfreut sich beim heimi­schen Schalenwild, insbe­sondere bei den Rehen, einer ausge­spro­chenen Beliebtheit. Für uns gelten, außer der knackig roten Frucht­hülle des Samens (dem Arillus), alle Teile der Eibe, einschließlich des im Arillus liegenden Samens, als hochgiftig. Ein Teeaufguß aus 50–100 Nadeln ist für den Menschen tödlich, und die Aufnahme von 100–200 Gramm führt auch bei Pferden sowie Schafen innerhalb von Minuten zum Lähmungstod. Neben dem Hauptgift Taxin, einem hochgif­tigen Alkaloid, enthält die Eibe Melosin und Ephedrin. Schon in Caesars Galli­schen Kriegen wird von einem König der Belgier berichtet, der es vorzog, sich mit Hilfe der Eibe das Leben zu nehmen, anstatt sich den Römern zu ergeben.

Offen­sich­liche Eiben­ver­gif­tungen bei Wild sind relativ selten, jedoch nicht unbekannt: Im strengen Winter 41/42 fand man im sogenannten „Eiben­garten“ bei Dermbach in der Rhön zahlreiches veren­detes Muffelwild. Bei allen Tieren waren die Waidsäcke fast vollständig mit Eiben­nadeln gefüllt. Mögli­cher­weise blieb dem Muffelwild in Erman­gelung anderer Winter­nahrung keine Alter­native und die hohe Konzen­tration wirkte tödlich – „Solo dosis facit – die Menge macht das Gift“. Auch im Harz gab es im gleichen Winter ähnliche Beobach­tungen.

Früher fand man Eiben überall in der Nähe der Burgen und Schlösser, da sie ein begehrtes Bogenholz lieferten. Seit Erfindung des Schieß­pulvers und der Feuer­waffen hat man sie dann ihrer hochgif­tigen Eigen­schaften wegen aus der Umgebung des Menschen verdrängt.

Heut gilt sie als bedrohte Baumart, und auf den wenigen noch verblie­benen Stand­orten setzen ihr wahrscheinlich das Rehwild und konkur­renz­starke Baumarten, wie z. B. die Buche deutlich zu. Auch in Mecklenburg-Vorpommern finden sich noch kleine Vorkommen dieser Baumart, vor allem in Gärten und Parkan­lagen. 

Robinie und Pfaffen­hütchen

Foto: modul6ollis
Robinie

Ein giftiger Einwan­derer unter den Bäumen ist die Robinie (Robinia pseudo­a­cacia), die ursprünglich aus dem Laubwald­gebiet des östlichen Nordamerika stammt. Sie enthält Lectin, ein auch in zahlreichen heimi­schen Schmet­ter­lings­blütlern (die Robinie gehört ebenfalls zu dieser Pflan­zen­gattung) vorkom­mendes Gift. Rinde, Blätter und Samen der Robinie enthalten die giftigen Eiweiß­stoffe Robin und Phasin. In Mittel­europa gibt es bisher mehrere Vergif­tungs­fälle bei Kindern. Die wesent­lichen Symptome sind Erbrechen, Krämpfe, Ohnmacht und Schläf­rigkeit. Bei Rot- und Rehwild sind jedoch die zarten, grünen Blätter gleicher­maßen beliebt. Die Robinie weiß sich jedoch durch eine ausge­sprochen üppige Bedornung zu schützen und überlebt daher auch unter starkem Schalen­wild­einfluß.

Foto: Wolfgang Claussen
Pfaffen­hütchen

Auch einer unserer hübschesten heimi­schen Sträucher, das Pfaffen­hütchen (Euonymus europaeus), enthält in seinen violett-orangen Früchten giftige Substanzen. Es sind hier überwiegend Glykoside, die zu Krämpfen, Kreis­lauf­stö­rungen und Kollaps führen können. Rotwild verbeißt Pfaffen­hütchen sehr intensiv, über die Aufnahme der Früchte durch Schalenwild ist jedoch bisher nichts bekannt. Fast alle restlichen heimi­schen Gehölze enthalten offenbar weder für den Menschen noch für die meisten Wildtiere Gifte jedweder Art und erfreuen sich ja auch beim Schalenwild des allseits bekannten und forstlich bearg­wöhnten Inter­esses.

Die zahlreichen krautigen Arten, die das Haupt­ä­sungs­spektrum des heimi­schen Schalen­wildes darstellen, enthalten jedoch eine Vielzahl giftiger Substanzen – und der offenbar problemlose Umgang mit diesen Inhalts­stoffen ist häufig höchst erstaunlich.

Foto: Hans Braxmeier
Tollkirsche

Die Schwarze Tollkirsche (Atropa bella­donna) verführte mit ihren dunklen, kirsch­großen und ausge­sprochen süß schme­ckenden Früchten schon so manchen Waldläufer zu einem verhäng­nis­vollen Verzehr.

Die Pflanze enthält die Alkaloide Atropin, Hysocyamin, Scopolamin, Apoatropin – eine Mixtur tödlicher Gifte. Schon drei bis fünf Beeren können bei Kindern, zehn bis zwanzig Beeren bei Erwach­senen zum Tod führen. Wenn auch nicht ausge­sprochen bevorzugt, so wird die Tollkirsche von Rot‑, Muffel‑, sowie Rehwild doch zuweilen verbissen und auch die Aufnahme von Beeren ist belegt. In früheren Zeiten war die Tollkirsche ein beliebtes Rausch‑, Liebes- und Zauber­mittel. Der Artname „bella­donna“ stammt aus dem italie­ni­schen – dort träufelten sich angeblich Mädchen den Pflan­zensaft in die Augen, um größere Pupillen zu bekommen. Ob unser Schalenwild ähnliche Gründe zum Verzehr bewegt, darf derzeit unbeant­wortet bleiben.

Foto: Wolfgang Claussen
Blauer Eisenhut

Eine der giftigsten heimi­schen Wildpflanzen, der in mehreren Arten bei uns verbreitete Eisenhut, gehört ebenfalls gelegentlich zum Äsungs­spektrum des Schalen­wildes. Die Pflan­zen­gattung Aconitum enthält das hochgiftige Aconitin, das schon in der minimalen Dosis von 1,5 bis fünf Milli­gramm für Erwachsene tödlich wirken kann. Selbst die unver­letzte Haut nimmt schon Aconitin auf und es kann zu leichten Vergif­tungs­er­schei­nungen führen.

Foto: Rhiannon
Wolfs­ei­senhut
Foto: Wikime­di­aI­mages
Jakobs-Kreuz­kraut

Früher wurde es häufig als Pfeilgift einge­setzt, und eine Art, der Wolfs­ei­senhut (Aconitum vulparia), diente – der Name deutet es an – als Giftköder für die eleganten Raubtiere. Wahrscheinlich sind damals Fleisch­köder in irgend­einer Form mit Eisenhut versetzt worden. Eine der giftigsten Pflanzen der Welt gehört zur Gattung Aconitus: Es ist die im Himalaya vorkom­mende Art Aconitum ferox.

Eine in Mittel­europa ebenfalls in mehreren Arten verbreitete Gattung sind die Kreuz­kräuter (Senecio spec.). Die in diesen Arten wirksamen Inhalts­stoffe sind die sogenannten Pyrrolizidin–Alkaloide. Kreuz­kräuter werden im Allge­meinen von Nutzvieh gemieden, und auch ihre Verwendung als Arznei­pflanze kann heute nicht mehr guten Gewissens empfohlen werden.

Zwei bei uns häufige Arten, das Fuchs Kreuz­kraut (Senecio fuchsii) und das Jakobs-Kreuz­kraut (Senecio jacobaea) wurden bspw. in der Nordeifel sehr gerne vom Rotwild angenommen.

Foto: Hans Braxmeier
Zypressen-Wolfs­milch (li.) und Mandel­blättrige Wolfs­milch (re.)

Selbst bei sehr nahe verwandten Pflan­zen­arten kann jedoch die Attrak­ti­vität für Wildtiere sehr unter­schiedlich sein. Von den heimi­schen Wolfs­milch­arten (Euphorbia spec.) wird die Mandel­blättrige Wolfs­milch (Euphorbia amygda­loides) von Rehwild gerne verbissen, die Zypressen-Wolfs­milch (Euphorbia cyparissias) jedoch vollständig gemieden.

Letzt­ge­nannte Art ist besonders auf sandigen nährstoff­armen Stand­orten nicht selten und insbe­sondere in guten Einstands­ge­bieten des Schalen­wildes ist ihre unver­bissene Präsenz augen­fällig. Die Zypressen-Wolfs­milch gilt auch als klassi­sches Weideun­kraut, das durch ihre Unbeliebtheit stark beweidete Regionen schnell dominieren kann. Beim Menschen führt insbe­sondere der namens­ge­bende milchig weiße Pflan­zensaft zu starken Reizungen der Schleim­häute und der Haut.

Foto: Peggy Choucair
Esels­wolfs­milch

Inter­essant ist in Bezug auf die Wolfs­milch, dass mehrere Autoren deren Beäsung durch Muffelwild erwähnen. Schon FORGACH erwähnt in der zweiten Hälfte des 19 Jh. die sogar ausge­prägt starke Beäsung von Wolfs­milch­ge­wächsen durch Mufflons. Er läßt jedoch leider offen, um welche Wolfs­milch­spezies es sich dabei handelt. Auch der große Wildfor­scher BUBENIK erwähnt die Wolfs­milch als Bestandteil der Muffel­äsung. Durch seine langjäh­rigen inten­siven Beobach­tungen am Muffelwild konnte BRIEDERMAN an zwei Arten Verbiss feststellen, der Zypressen-Wolfs­milch (Euphorbia cyparissias) und der Esels­wolfs­milch (Euphorbia esula). Schon junge Lämmer nahmen von beiden Arten jeweils die Trieb­spitzen auf.

Foto: Beate Bachmann
Roter Fingerhut

Eine in vielen Waldre­gionen häufige Art ist der Rote Fingerhut (Digitalis purpurea). Die über siebzig bisher nachge­wie­senen Glykoside machen den Fingerhut zur pharma­zeu­tisch bedeut­samsten heimi­schen Wildpflanze. Alljährlich werden die Blätter in großen Mengen geerntet und zu Herzprä­pa­raten weiter­ver­ar­beitet. Vielleicht hat auch beim Rotwild die geringe Dosierung mit Fingerhut eine herzsta­bi­li­sie­rende Wirkung. Immerhin ist beim Rothirsch als ausdau­erndem Lauf- und Fluchttier ein leistungs­starkes Herz von überra­gender Bedeutung.

Nur wenige, besonders auffällige Beispiele aus dem giftigen Äsungs­spektrum der Wildtiere konnten hier genannt werden. Durch die feine Auswahl und Zusam­men­stellung aus der „Apotheke der Natur“ sind Überdo­sie­rungen und damit verbundene Vergif­tungen offenbar selten.

Foto: Bishnu Sarangi
Der Sambar, ein naher Verwandter unseres Rothir­sches

Es scheint sogar mögli­cher­weise ein gewisses natür­liches Gefühl der Wildtiere für eine ausge­wogene Aufnahme auch giftiger Pflanzen zu geben.

Hierzu gibt es eine inter­es­sante Studie von KURT: Er unter­suchte die Nahrungswahl des Indischen Sambars, einer mit dem Rothirsch nahe verwandten Art. Der hohen Zahl von Giftpflanzen in seinem Äsungsraum (Regenwald) begegnet der Sambar mit einer spezi­fi­schen Anpas­sungs­stra­tegie: Durch ein ausge­klü­geltes Äsungs­ver­halten, nachdem der Hirsch möglichst kleine Mengen von möglichst vielen verschie­denen Pflan­zen­arten verzehrt, erreicht er, dass er stets nur eine verhält­nis­mäßig geringe Menge einzelner Giftstoffe aufnimmt. Die in seinem Verdau­ungs­system lebenden hochspe­zia­li­sierten, einzelligen Organismen sind zum Abbau dieser geringen Giftstoff­mengen offenbar in der Lage.

Ähnliche Anpas­sungs­stra­tegien sind auch für unsere heimi­schen Wieder­käuer denkbar. ZSCHETSCHKE glaubt beispiels­weise, dass Rehe ständig auf der Suche nach wirksamen Kräutern sind, um Abwehr­kräfte gegen ihre zahlreichen Parasiten aufzu­bauen. Es ist denkbar, daß auch anderes Schalenwild sich täglich seinen Bedarf an Heilkräutern im Rahmen einer vielfäl­tigen, normalen Ernährung zusam­menäst und sich so gegen die zahlreichen Krank­heits­er­reger sowie Gefahren in freier Wildbahn rüstet.

Offenbar handeln Wildtiere unbewusst in weit höherem Maße als der natur­ent­fremdete Mensch nach dem oben genanten Motto des Paracelsus: „Solo dosis facit – die Menge macht das Gift.“

Burkhard Stöcker

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