Aktuelles
06.05.2021

Jagen und Bergen – bergend Jagen – jagend Bergen…

In den weiten, sanften Hügeln der Uckermark

Weit über einen Kilometer Fußweg hatte ich hinter mir, Berg- und Tal in der ucker­mär­ki­schen Hügel­land­schaft… – bevor ich nichts weiter als eine kleine Markierung in der Nähe einer uralten Buche fand. Hier war mein Stand. Auf dem Weg dorthin hatte ich alte Buchen­wälder gesehen, die von Eichen, Ulmen und Eschen begleitet wurden, bürsten­dichte Verjün­gungen hatte ich passiert, kusselige urige Kiefern, die am Rande von Mooren wuchsen und deren graume­lierter Stammfuß den Malbaum verwies. Und dann hockte ich stundenlang in diesem weiten Waldes-Dom…und dann, mitten in dieser germa­ni­schen Urland­schaft, inmitten der von Seen und Mooren durch­zo­genen bewal­deten Hügel: Drei Überläufer, schon von weitem sicht- und hörbar durch das frisch gefallene herbst­liche Laub – einer blieb auf der Strecke. Nun begann die Arbeit: Erst die „rote“ des Aufbre­chens, ein scharfes Messer, ein paar Schnitte, schnell getan…

Doch dann: Der Weg zurück mit Beute, das weite, weite Laub vor mir war nun mein Weg, die nächste Kuppe mein Ziel und immer wieder Laub, Hang, Kuppe, Laub, Hang, Kuppe… – des Jägers Herz pochte nun lange schon nur noch vor Anstrengung, längst nicht mehr vor Aufregung. Und jeder Herzschlag näher an Hänger, Wildkammer, Zerwirkraum, Tiefkühl­truhe, Küche, Tafel…

Mit jedem Schritt auch näher zu jenen die sich dankbar und freudig dann der Tafel nähern – so sehe ich von den Augen des Wildes in der Weite des Waldes in die Augen der Menschen in der Wärme der Wände…und so wechselten die Gedanken aus den bunten Wäldern in die heimi­schen Wände und zurück. 

„Finger krumm machen“ ist rasch erledigt – was danach folgt ist oft harte Arbeit

Überleben war Jagen – Jagen war Überleben

Doch mitten im Keuchen vor der nächsten Kuppe wanderten die Gedanken viel weiter zurück in ferne Tage der Uckermark, weit zurück zu des Ur-Jägers Tagen: Wenn zum Ausgang des Winters (vielleicht zuweilen schon in der Mitte…)  die Vorräte aufge­braucht waren, der Frühling aber noch lange, lange auf sich warten lies. Irgendwo wartete hungernd die Sippe. Jene schon letzten Kräfte mussten mobili­siert werden um des lebens­ret­tenden Wildes habhaft zu werden! Vielleicht gar risiko­reiche Jagd auf Mammut oder Riesen­hirsch – es konnte zuletzt immer noch misslingen, das Tier entkommen, wichtige Energien unnütz vergeudet, alles umsonst. Enttäu­schung der Sippe, bittere Enttäu­schung, vielleicht Hohn, Wut, Verzweiflung – vielleicht sogar das Ende.

Wenn aber die Beute doch erfolg­reich erlegt war, war die Erschöpfung anstren­gender Jagd rasch vergessen. Die Erleich­terung über das nun wieder für Tage gesicherte Überleben ließ letzte Kräfte von neuem wachsen. Das Aufbrechen und Bergen der Beute war dann ein Tun in Gewissheit – sicheres Gelingen war hier nun die Trieb­feder für das Bergen des Wilde bis zur Sippe. Sie würde leben, wir würden leben. Überleben. 

Wieder zurück im Hier und Jetzt

Jeder meiner Schritte brachte meinen Überläufer nun nicht einer ausge­zerrten Sippe…, sondern nur dem Hänger und dem Wildhändler näher. Natürlich, ich hätte hier jetzt auch die eigene Familie mit ins Spiel bringen können: Über Wildbret freuen sie sich immer. Nur: Welcher Intensiv-Schalen­wild­jäger heutiger Prägung mit 60–70 Stück Wild im Jahr ernährt damit ausschließlich die eigene Familie? Wie immer und überall in der arbeits­tei­ligen Gesell­schaft gibt es nur selten den wirklich direkten Weg zum Essen und Trinken. Doch bei uns Jägern gibt es ihn oft, so oft wie wir es wollen – so oft wie wir jagen…zerwirken, zerteilen…zubereiten wollen! 

Nach der Jagd…ist sie Hand-Werk!

Noch viel mehr beim Aufbrechen, beim Bergen, beim Zerwirken kann Jagd heute wirklich noch „Hand-Werk-Sein“. Die eigent­liche Erlegung ist vielleicht gar viel mehr Finger-Werk, ja gar Zeige­finger-Werk. Viel mehr als ein bisschen Finger­fer­tigkeit und Auge-Hand Koordi­nation bedarf es ja auch kaum beim schlichten Zeige­finger-krumm-machen im rechten Moment. Aber das eigen­ständige Bergen im schweren Gelände ist Kraft, Kondition, Schweiß, Anstrengung, Arbeit, Akt, Tun. Wie armselig ist es oft, wenn der Erleger dies nicht selbst an-packt (so er es noch kann!) sondern dies alles nun schon wieder im „Rundum-Sorglos-Paket“ heutigen Jagens inbegriffen ist. Das ganze Nach-dem-Finger-krumm-machen – kaum mehr Bestandteil von Jagd!? Und das ganze Vor-dem-Finger-krumm-machen ist es ja oft auch kaum mehr – all dies Schauen, Sinnen, Beobachten, Bestä­tigen, Erfühlen des Wildes – all dies wirkliche echte Jagen!

Burkhard Stöcker

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