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Foto: Burkhard Stöcker
06.10.2021

Mensch, Wild und Waldspaziergang

Der Wald ist schon ein beson­deres Wesen. Er besticht nicht nur durch seine räumliche Ausdehnung, in der er sich zuweilen bis zur Kathe­drale aufschwingt, sondern vor allem durch seine Vielsei­tigkeit und Vieldeu­tigkeit für uns Menschen: er ist Holz-Fabrik und Arten-Kammer, Wasser-Speicher und Luft-Filter. Vor allem aber ist er für uns Menschen Seelen-Balsam und Wellness-Center. Und wenn er bei einem Spaziergang für uns gar zum wirklichen Ereignis- und Erleb­nisraum werden soll wird er dies zuallererst in der Begegnung mit einem zweiäu­gigen und befellten Wildtier. Dieses Wildtier ist das wesent­liche emotionale Binde­glied zwischen Menschen, Natur und Wald. 

Und wenn dieses emotionale Binde­glied durch eine rigorose „waldfreund­liche“ Jagd bis auf eine schlichte Un-Wahrnehm­barkeit zusam­men­ge­schossen wird, kommt es zu einem leisen Bruch in jener Beziehung. Wenn dieses Wildtier (nennen wir es Reh!) in einer völligen Bedeu­tungs­lo­sigkeit innerhalb der Natur- und Waldwahr­nehmung verschwindet – verlieren auch wir gewiss einen „guten Teil“ der emotio­nalen Bindung zum Wald.

Wir „Fachleute“ mit unserem ökolo­gi­schen, forst­lichen, jagdlichen oder sonst wie fachlich geprägtem Sachver­stand – wir messen den Wald in Arten­spektren, Vegeta­ti­ons­ein­heiten, Waldent­wick­lungphasen, Biomas­se­vor­räten, Festmetern, Bestan­des­höhen, Hiebsätzen, Jagdstrecken, Jagder­leb­nissen usw.

Jeder normale Mensch bewertet einen Waldspa­ziergang gewiss nach anderen Kriterien vielleicht nach frischer Luft, vielleicht nach Stille, vielleicht nach großen Bäumen – vor allem aber ganz gewiss und fast immer: nach der Begegnung mit wilden, scheuen Augenpaaren!

Foto: Burkhard Stöcker

Dem Wald „auf Augenhöhe“ zu begegnen heißt einem Reh, einem Hirsch, einem Wildschwein begegnen, heißt nicht primär Baumstamm, Baumkrone, Baumver­jüngung. Wir sehen den Wald an und er sieht uns an, in Form von leben­digen Augen­paaren. Diese Erkenntnis geht in der waldver­jün­gungs­zen­trierten, den „Klima­sta­bilwald-aufbau­enden Pseudo-Öko-Wahrnehmung“ von sogenannten Öko-Jägern und Öko-Förstern immer wieder nahezu unter. 

Die zweiäu­gigen, befellten, wechsel­warmen Säuge­tiere sind nun einmal unsere engsten Verwandten in der heimi­schen Restnatur. Wären Rehkitze gar Orang-Utan-Babys oder Hirsch­kälber Schim­pansen-Kinder wäre unsere Verbindung zu jenen Felltieren noch eine ganz andere – und würden Orang-Utans oder Schim­pansen Waldver­jün­gungen zusam­men­beißen oder Jungbe­stände schälen, wäre die Regulierung dieser Waldschäd­linge auf ein „ökolo­gisch verträg­liches Maß“ noch ganz anders Gegen­stand kontro­ver­sester Diskussionen…

Wenn ich „Otto Normal Mensch“ nach einem Waldspa­ziergang frage und sie/er/es sind einem Reh oder einem Fuchs oder gar einem Hirsch oder einem Dachs begegnet, wird diese Begegnung ganz gewiss eine separate Erwähnung wert sein. Die Bäume, die Stille, die frische Luft sind ja nahezu immer präsent. Und sie machen jenen Waldbegang sicherlich auch aus – aber zu etwas beson­derem wird er immer noch und immerdar durch die Begegnung mit einem wilden Tier.

Natürlich werden die ganzen „Öko-Jäger“ jetzt sagen und argumen­tieren: Aber die unver­bissene, arten­reiche Verjüngung ist doch viel, viel wichtiger für das Ökosystem Wald als die Beobachtung eines Rehs. Vielleicht werde ich dann nur schlicht entgegen „der Mensch lebt nicht vom Brot allein“. Das wäre gewiss richtig – aber es würde ebenso gewiss zu kurz greifen. 

Zu kurz, weil ich weiß, dass beides möglich ist! Das es gangbare Wege zu „Wald und Wild“ und zu „Wald mit Wild“ gibt. Ich kann das eine tun ohne das andere zu lassen. Ich muss es nur wollen und ich muss geistigen Schmalz und Energie aufbringen damit das Zusam­men­spiel zwischen beiden gelingt. Es ist gar nicht so schwer und wahrlich kein Hexenwerk.

Wo ein Wille zur „Welt mit Wald und Wild“ ist – dort sind auch gangbare Wege dorthin. 

Ich möchte weder in einem wildstrot­zenden Forst, in dem kaum ein Kräutlein mehr wächst, umher­wandern noch in einem wildleeren Wald, in dem mich nur unver­bissene Baumdschungel anstarren.

Burkhard Stöcker

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