Aktuelles
09.06.2020

Nasse Moore haben Zukunft – Paludi­kultur in Mecklenburg-Vorpommern

Foto: Wendelin Wichtmann
Gemähtes Schilfrohr im Peenetal – wirtschaft­liche Inwert­setzung intakter Moor-Ökosysteme!

O schaurig ists übers Moor zu gehen
Wenn es wimmert vom Heide­rauche
Sich wie Phantome die Dünste drehn
Und die Ranke häkelt am Strauche …

So beginnt das wohl berühm­teste Moorge­dicht des deutsch­spra­chigen Raumes „Der Knabe im Moor“ aus der Feder der münster­län­di­schen Dichterin Annette von Droste Hülshoff.

Moore bedeckten einst ca. 10% der Norddeut­schen Tiefebene – eine Fläche von fast 900000ha! Sie speicherten riesige Mengen an Süßwasser (Moore sind die „Gletscher des Flach­landes“) und banden im wasser­ge­sät­tigten Zustand ebenso gewaltige Mengen an Kohlen­stoff.

Sie waren einst primärer Lebensraum des norddeut­schen Birkwildes, des Goldre­gen­pfeifers, der Bekassine, des Brach­vogels – Savannen von Wollgras und Ebenen von Seggen zogen sich bis an den Horizont.

Von der Schau­rigkeit des Moorge­dichtes ist in der Jetztzeit nicht viel übrig geblieben. Die Moore sind zum großen Teil entwässert und in Saatgrasland oder gar Maisäcker umgewandelt worden. Die Folgen dieser großflä­chigen Moorent­wäs­serung sind vielfältig und die Formu­lierung „Oh Schaurig ists übers Moor zu gehen“ trifft es gewiss nicht mehr: „Oh noch schau­riger ists übers trockene Moor zu gehen“ könnten man heute fortdichten:

  • Durch die Entwäs­serung und den Abbau der organi­schen Substanz fallen viele Moorkörper mit der Zeit immer mehr zusammen: Moorsa­ckung.
  • Die typischen Lebens­räume und ihre Arten­in­ventare verschwinden.
  • Die meisten Moore haben ihre Wasser­filter und ‑rückhal­te­funktion verloren.
  • Durch die intensive landwirt­schaft­liche Nutzung werden Oberflächen- und Grund­wasser belastet.
  • Durch Abbau der toten Pflan­zen­masse werden enorme Mengen an Kohlen­stoff- und Stick­stoff freige­setzt. Die entwäs­serten Moorböden Mecklenburg-Vorpom­merns emittieren jährlich 6.2 Mio t Co² Äquiva­lente. Dieser Wert übersteigt bei weitem die Emissionen aus dem gesamten Verkehr des Bundes­landes.

Unter ungestörten weitgehend wasser­ge­sät­tigten Bedin­gungen reichern sich in Mooren abgestorbene Pflan­zen­teile an – intakte Moore binden Kohlen­stoff. Mit einem Volumen von 1200–2400 Mio t Kohlen­stoff stellen Moore den größten terres­tri­schen Kohlen­stoff­speicher Deutsch­lands dar. Die Wieder­her­stellung natür­licher Wasser­regime in den heimi­schen Mooren kann daher einen kaum zu überschät­zenden Beitrag zum Klima­schutz leisten: Während ein entwäs­sertes, intensiv genutztes Moor jährlich 18–40t Co²/ha freisetzt kann dieser Prozess durch Wieder­ver­nässung um 10–20t Einheit reduziert werden. 

Paludi­kultur – die neue ökono­misch-ökolo­gische Inwert­setzung

Foto: Wendelin Wichtmann
Auch die Moorpflanze Rohrkolben – im Volksmund auch „Pfeifen­putzer, Lampen­putzer, Schlot­feger“ genannt – läßt sich im Rahmen der Paludi­kultur wirtschaftlich nutzen.

Moore wunden entwässert, weil sie scheinbar zu nichts nutzbar waren. Heute gibt es jedoch etliche Nutzungs­mög­lich­keiten, die unter dem Stichwort Paludi­kultur zusam­men­ge­fasst werden:

Paludi­kultur („palus“ – lat. Sumpf, Morast) benennt die Nasswirt­schaft auf intakten Mooren. Dazu gehören sowohl klassische Moor-Nutzungs­ver­fahren wie die Rohrmahd (meist zur Gewinnung von Schilfrohr) oder die Streu­nutzung (das Mähgut wird zur Einstreu in Ställen verwendet) aber auch neue Nutzungs­formen wie die energe­tische Nutzung des Moor-Aufwuchses. Der Erhalt des weitgehend natür­lichen Wasse­re­gimes und damit des Torfkörpers ist dabei primäres Ziel.

Je nach Moortyp, Standort und Wasser­regime sind verschiedene Formen von Paludi­kultur mit verschie­denen Pflan­zen­arten denkbar. Dabei können krautige Pflanzen und/oder Gräser eine Rolle spielen, wie das Schilfrohr (Phrag­mites australis), das Rohrglanzgras (Phalaris arundi­naceae) oder der Rohrkolben (Typha spec.). Diese Arten können je nach Verwendung des Materials entweder jährlich oder alle 1–2 Jahr geerntet werden. Dabei sind, zumindest beim Schilfrohr, gewaltige Ernte­massen von bis zu 15–25t/ha und Jahr auf manchen Stand­orten möglich. Es sind aber auf nassen Moorstand­orten auch forst­liche Nutzungen mit bspw. Schwarzerle oder Weiden­arten denkbar.

Die Produkte aus den Pflanzen der Paludi­kul­turen sind poten­tiell vielseitig einsetzbar: Sie reichen von Pellets, Briketts und Silage für eine energe­tische Nutzung bis hin zur Anfer­tigung von Möbeln, Dachschilf und Blumenerde aus den geern­teten Pflan­zen­roh­stoffen. Wieder­ver­nässte Moorkörper können bspw. aber auch mit geeig­neten Tieren beweidet werden bspw. Wasser­büffeln oder ggf. auch Rothir­schen, die dann entspre­chend genutzt werden können. In bestimmten Fällen bietet sich auch eine spezi­fische Nutzung von Arznei­pflanzen an bspw. bei großflä­chigem Vorkommen von Fieberklee (Menyanthes trifo­liata).

Praktische Nutzung noch in den Anfängen

Die ersten Anbau­ver­suche und prakti­schen Erfah­rungen stimmen hoffnungsvoll – aber es gibt noch viel zu tun: Für eine wirklich prakti­kable großflä­chige Umsetzung ist sowohl die Weiter­ent­wicklung der Produk­ti­ons­ver­fahren, vor allem aber die Entwicklung spezi­fi­scher leistungs­fä­higer Landtechnik erfor­derlich. Die geringe Tragfä­higkeit der nassen Böden und der Schutz der Torfkörper vor übermä­ßiger mecha­ni­scher Beanspru­chung erfordern innovative Entwick­lungen. Darüber hinaus gibt es noch viele Ressen­ti­ments zahlreicher Landwirte gegenüber einer nassen Bewirt­schaftung und zu wenig erfolg­reiche Pilot­pro­jekte im betrieb­lichen Maßstab.

Foto: Wendelin Wichtmann
Die Nutzung der Biomasse auf den nassen Moorstand­orten erfordert spezielle Technik.

Trockene Moornutzung ist ein Auslauf­modell

Eine ökolo­gisch angepasste und wirklich sinnige Moornutzung gibt es auf entwäs­serten degra­dierten Moorstand­orten nicht. Auch der Anbau von Mais- oder Grassilage zur Produktion von Bio-Energie­trägern ist unsinnig und kontra­pro­duktiv: Die durch die Entwäs­serung entste­henden Treib­hausgase aus dem trockenen Moor übersteigen die durch Biogas einge­sparten Emissionen aus fossilen Energie­trägern um ein Vielfaches! Es ist daher aus Gründen der Co² Minimierung, der Wieder­her­stellung eines natur­nahen Landschafts­was­ser­haus­haltes, als auch der Renatu­rierung moorty­pi­scher Lebens­ge­mein­schaften dringend erfor­derlich die degra­dierten Moore endlich wieder zu vernässen.

Auf zu den neuen Moor-Ufern!

Auch bei den Mooren wird sich der alte Spruch „Use it or loose it“ offenbar mal wieder bewahr­heiten. In der Vergan­genheit gab es nur sehr wenige sinnige Nutzungs­mög­lich­keiten für nasse Moore – wir haben sie daher trocken­gelegt und verloren.

Inzwi­schen wissen wir welchen wert „Moore an sich“ haben. Wenn wir nun noch zusätzlich die schonenden, ökolo­gisch orien­tierten Nutzungen nasser Moore optimieren, haben wir gute Chancen bald wieder großflächig nasse, vitale Moore zu haben. Diese können dann wieder arten­reiche Lebens­räume sein, Kohlen­stoff binden und in heißen Sommern Kühle spenden – und sie werden hoffentlich neue ökolo­gisch-ökono­misch sinnige Produkte liefern!

Burkhard Stöcker

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