Aktuelles
08.09.2020

Natur­liebe – was ist das denn?

Wir alle lieben die Natur? Natürlich lieben wir alle die Natur!

Gewiss gibt es dazu auch schon seit Jahren reprä­sen­tative Umfragen: „Lieben Sie die Natur?“ Und ich bin mir ziemlich sicher (ohne mich in jene Umfragen vertieft zu haben…) dass nahezu 100% der Befragten natürlich mit „Ja“ antworten werden!

  1. Würde ich vielen schlicht glauben, dass sie die Natur „irgendwie lieben“
  2. Ist es heutzutage total trendy und politisch korrekt Natur zu lieben – wer würde sich schon trauen ein schlichtes „Nein zur Natur“ zu artikulieren?!
  3. Ist es aber auch eigentlich ganz einfach zu sagen man liebe die Natur – weil jeder darunter etwas anderes versteht. Wohl jeder von uns hat bei „Natur“ einen eher nebulös definierten Ausschnitt von selbiger im Sinn.

Was aber ist „Natur“? Schauen wir in ein bekanntes Online Lexikon zuerst einmal alles „was nicht vom Menschen geschaffen wurde“. Hier unter­scheiden wir den bioti­schen Teil von Natur (alle Lebewesen) und den nicht­bio­ti­schen Teil von Natur (alle unbelebte Natur).

Jedem seinen eigenen „Natur­liebe Tunnel“!

Schauen wir uns einmal ein paar „Natur­freunde-Segmente“ der Neuzeit ein bisschen näher an:

  • Die Katzen­freunde haben die Natur in Form ihrer Katzen sehr lieb – und die Freiheit ihrer Katzen sind ihnen auch etliche Millionen dezimierte Klein­vögel und Klein­säuger durchaus wert… – Naturliebe?
  • Die Pferde­freunde haben ihre Pferde natürlich auch lieb – und verheizen sie zuweilen (unaus­ge­wachsen!) als zwei oder dreijährige auf Rennbahnen oder für andere ihrer menschlich-sport­lichen Freuden... – Naturliebe?
  • Auch die Hunde­be­sitzer haben die Natur in Form ihrer Hunde sehr lieb – lassen aber allzu oft Grünan­lagen, Wegeban­kette, Spiel­plätze und andere Gassi­re­gionen ihre Liebe auch für andere „sicht- und riechbar fühlen“… – Naturliebe?
  • Die Kletter­freunde haben Natur auch sehr lieb – und bespicken dieselbe daher gerne mit „Schmuck­ge­gen­ständen“ aller Art“: Klette­reisen, Kletter­seile, Kletter­steige… – Naturliebe?
  • Die Jäger (moderner Lesart) basteln aller­orten mehr oder minder schicke Hochsitze und nähern sich der Natur meist mit PS starken SUVs und Hochra­sanz­büchsen… – Naturliebe?
  • Die Menschen die die halbe Republik mit Windrädern so hoch wie Wolken­kratzer vollstellen haben die Natur auch ganz doll lieb, weil sie ja damit die klima­schäd­lichen Kohle­kraft­werke abschalten helfen…Naturliebe?

Die Liste der „Natur-Liebenden“ ließe sich wohl beliebig verlängern…

Natur­liebe für den Gemeinen Holzbock, die Zecke?

Und wer hat eigentlich die Zecke wirklich lieb? Schließlich gehört sie ja unzwei­felhaft auch zur belebten Natur. Tja, die Zecke? Vermutlich sind es nur ein paar Zecken­for­scher und „Sonder­linge“ die sich für jenes lästige Natur-Element wirklich erwärmen können. Aber: Stare und Bachstelzen freuen sich jedoch im Hirschfell über jeden der kleinen aufge­pickten Blutsauger. Und die Existenz der schönen afrika­ni­schen Maden­hacker wäre ohne „Zecke an Zebra“ kaum denkbar. Oder Stech­mücken und Bremsen? Ohne die ganzen Insekten kein Schwal­ben­sommer – und kein „Tirili-tirila“ in der frühlings­haften Landschaft.

Natur ist allum­fassend – Perspektive weiten!

Natur­liebe liegt also offenbar stets im Auge des Betrachters und in dessen Perspektive – fast immer und überall scheint ein umfas­sender, ganzheit­licher Blick ein bisschen zu fehlen.

Jeder liebt einen anderen Teil der Natur und ein jeder hat seinen Tunnel­blick auf sein Natur­segment. Fast alle vergessen dabei den Blick auf das Ganze, auf die ganze Landschaft mit ihren Wäldern und Wiesen, Städten und Dörfern, Straßen und Plätzen. Und merkwürdig, dass häufig der Hunde­be­sitzer die Reiter als Stören­friede empfindet, der Wanderer die Nordic Walker, die Nordic Walker die Mountain­biker, der Mountain­biker die Gleit­schirm­flieger, der Gleit­schirm­flieger natürlich die Windkraft­an­lagen – Der Landwirt den Natur­schützer, der Jäger den Forstmann, der Wasser­bauer den Ornithologen.

Bei der Betrachtung von Natur und Landschaft setzt sich aber ganz schlicht nur jene hochgradige Spezia­li­sierung und Ausdif­fe­ren­zierung fort, die unsere moderne Gesell­schaft nun einmal auszeichnet – mit all den Schwie­rig­keiten eines damit verbun­denen wechsel­sei­tigen Verständnisses… 

Dazuschalten von Fremdperspektiven!

Ich merke es ja schließlich auch nicht zuletzt an mir selber: Ich fahre durch Landschaften und gleite von einem Tunnel­blick zum nächsten, als Jäger, als Forstmann, als Ökologe, als Vogel­freak, als Fotograf…

Jeder von uns nimmt,  je nach seinem persön­lichen Hinter­grund, bestimmte Ausschnitte wahr. Der Blick auf die „Verflechtung des Ganzen“ erfordert aber ganz viel gedank­liche Arbeit und vor allem auch immer mal wieder den berühmten Perspek­ti­ven­wechsel. Will ich Natur praktisch verstehen und bspw. die Entwicklung von Landschaften muss ich mich immer wieder in die Perspek­tiven der verschie­denen Akteure einfuchsen – ich muss lernen wie Landwirte, Forst­wirte, Wasser­bauer, Wanderer, Mountain­biker, Jäger, Vogel­freaks, Pilzsammler – zu fühlen und zu denken.  Einfüh­lungs­ver­mögen für das Denken des Anderen zu entwi­ckeln ist eine der schwie­rigsten mensch­lichen Übungen – im Kleinen privat wie im Großen für die Landschaft!

„Schönes Wetter“ – und die Entfremdung von der Natur!

Ein schönes Beispiel für unseren Tunnel­blick auf Natur waren für mich auch die vergan­genen trockenen Sommer: wie war es anstrengend immer wieder aus zahlreichen Medien die unreflek­tierten Begeis­te­rungs­stürme zum „wunder­schönen Bade- und Urlaubs­wetter“ zu hören – während auf den Feldern und in den Wäldern die Trockenheit wütete und Land- und Forst­wirte tatenlos zusehen mussten. Aber medial präsent waren fast nur der blaue Himmel und der Sonnen­schein – halt der perspek­ti­visch begrenzte Tunnel­blick auf die Natur! Es war ein Zeichen einer nahezu gänzlichen Natur­ent­fremdung, jener extreme „Natur Tunnel Blick“! Das wir ein ausge­wo­genes Verhältnis von Regen und Sonnen­schein brauchen um überhaupt Lebens­mittel (Die „Mittel für unser Leben“!) produ­zieren zu können ist dem Lebens­mit­tel­kon­su­menten der nur den Super­markt kennt nicht mehr bewusst… – woher auch?

Der völlig unver­stellte, der leere Blick auf Natur?

Bei der Erschließung von Natur hilft es vielleicht zuweilen auch „einfach einmal leer zu werden“ und Landschaft nicht durch jene Brille zu sehen von der wir alle stets „irgendeine auf“ haben.

Nicht mittels Ausrüstung und klarer Zielvor­stellung, sondern einfach nur „nahezu unbesohlt“ und frei hinaus­zu­gehen und Natur zu atmen. Wer ist noch in der Lage Natur pur wahrzu­nehmen? Selbst der neuzeitlich trendige „Waldbader“ geht wahrlich nicht ziellos in den Wald. Jeder von uns macht sich Natur irgendwie und irgendwo immer „dienstbar“ – Natur­liebe ist fast immer und überall zweckgebunden!

Goethes berühmte Gedicht­zeile aus „Gefunden“ kommt einem da in den Sinn: „…Ich ging im Wald so für mich hin und nichts zu suchen das war mein Sinn…“. Das ist vielleicht gelegentlich auch genau das was man „suchen“ soll, wenn man in die Natur geht: „Nichts zu suchen“!

Zweckfrei hinaus­zu­gehen heißt wohl auch: den Blick auf und in die Natur ohne das den Blick zustel­lende Equipment und ohne klare Zielstellung… ohne Jogging­schuhe, Walking Stöcke, Gewehr, Fotoap­parat – ja sogar ohne „Waldba­de­ge­sinnung“!

Der alte Verhaltens-Forscher Konrad Lorenz hat einmal sehr schön gesagt: „Wenn ich auf die eine Seite der Waage das läge, was ich aus den Büchern gelernt und auf die andere Seite das, was ich in der Betrachtung der Natur erfahren – so würde letztere tief, tief hinabsinken“

Die unvor­ein­ge­nommene kindliche Betrachtung des Leben­digen ist vielleicht auch einer der Schlüssel zu einem neuen, tieferen, umfas­sen­deren Verständnis von Natur.

Burkhard Stöcker

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