Aktuelles
03.06.2021

Tagjagd/ Nachtjagd – Tagjäger/ Nachtjäger

Wir Menschen sind von Natur aus „Tag-Seher“ und folglich von Natur aus auch „Tag-Jäger“. Und wenn unser Jägersein, wie es stets mit Inbrunst und immer wieder betont wird, ein „Zurück zur Natur“ oder ein „Eins Werden mit der Natur“ sein soll, dann ist der ganze nachtjagd-technische Schnick­schnack und die technisch hochauf­ge­rüstete Jägerei der Jetztzeit gewiss eher Hindernis als Hilfs­mittel. Kennen Sie ein techni­sches Hilfs­mittel der modernen Jägerei, dass uns der Natur wirklich näherbringt?

Hegeauftrag und Nachtjagd

Unser primärer Hegeauftrag heißt heute: Lebens­räume erhalten und schaffen! Und das kann nicht nur heißen „Lebens-Raum“, sondern auch „Lebenszeit“ – die Nacht gehört dem Wild!

Und dies sollte uns, von  wenigen, von ganz wenigen Ausnahmen abgesehen auch zukünftig jagdliche und hegerische Richt­schnur sein!

Beute­fi­xierung total

Die einseitige Fixierung auf die Beute, die uns Jägern heutzutage von vielen Seiten vorge­worfen wird – findet in der Jagd mit der Nacht­ziel­technik ihren wahrlich vorläu­figen Höhepunkt. Ich bin umgeben von schwarz­dunkler Nacht und nur mit Hilfe der Technik blicke ich durch das Dunkel und bin in der Lage der Beute habhaft zu werden.

Das nächt­liche Jagen ist nicht mehr einge­bettet in eine ganzheit­liche Betrachtung von Landschaft und jageri­scher Welt. Im Dunkeln bin ich nahezu abgeschnitten von der „Betrachtung eines großen Ganzen“.

Beim Jagen betrachten wir zunächst einmal ganz wach „die ganze Welt“ (Landschaft…). Sobald die begehrte Beute dann ausge­macht ist, beginnen Fixierung und Konzen­tration, der Gesamt­blick auf die Landschaft tritt im Prozess der Beute­fi­xierung erst dann in den Hintergrund. 

Unser erster Blick auf die jagerische Welt ist praktisch technikfrei – „…unsere Augen schweifen als Weitwin­kel­ob­jektiv stetig umher…“ und erst dann kommt gelegentlich das Fernglas zur Hilfe und erst wenn wir die Beute dann entdeckt und aufge­spürt haben kommen Fernglas, Zielfernrohr, Waffe hinzu…

Beim nächt­lichen Jagen läuft gar nichts ohne Technik: Von Anfang an sind wir nahezu blind ohne den Blick durch die Geräte. Das jagerische Erleben ist nur mehr minimaler, dunkelster Ausschnitt.  Und in der Propa­gierung jenes Jagens klammert der Jäger den restlichen Komplex, einen großen Teil des so herrlichen Drumherum fast zur Gänze aus. Der nächt­liche Jäger nimmt nur noch die Beute wahr – der Rest ist ein schwarzes, dunkles Nichts. 

Auch nächt­liches Jagen hat ohne Zweifel seinen Reiz…

Damit will ich keines­falls behaupten, dass dieses tiefdunkle Jagen nicht auch seinen Reiz haben kann. Und man nimmt ja mit der Technik auch so manches andere wahr außer nur schwarze Schweine: Hier ein Dachs, dort ein Fuchs, nächt­liche Rehe, nächt­liches Rotwild, den einsamen Hasen…

Und natürlich ist es faszi­nierend in jene bislang nahezu verborgene Welt mit Hilfe der Technik einzu­dringen – keines­falls möchte ich dies abstreiten. 

Schwarz-Weiß Malerei, Schwarz-Weiß Jagdland­schaft, Schwarz-Weiß Jagerei

Vielleicht ist aber auch in den vielen Maissteppen (der Schwei­ne­re­viere unserer Zeit!) oder auch den Kiefern oder Fichten­steppen der Unter­schied zwischen Tag- und Nacht­jagen gar nicht einmal mehr sooo groß: ob ich nun am Tage in einem fünfzig ha großen reinen Maisschlag ansitze oder in der tiefen Nacht: Je eintö­niger die gesamte Jagd-Landschaft desto geringer fallen gewiss auch die Tag-/Nacht Jagd-Unter­schiede aus.

Vielleicht ist das auch einer der Gründe, weshalb vielen das rein nächt­liche Kunst­jagen gar nicht mehr so schwer fällt – der Unter­schied zwischen Tag-Erleben und Nacht-Erleben ist vielleicht gar nicht mehr allzu groß.

Für einen Benedikt von Cramer Klett, der in Bergwald-Wiesen­land­schaften gejagt hat, die nur so vor anders­ar­tigem Leben strotzten – wäre dies wohl „ein Unter­schied gewesen wie zwischen Tag und Nacht“…und auch für einen Friedrich von Gagern…“Jagd ist Schauen, Jagd ist Sinnen, Jagd ist Dankbarsein…“ – beim Jagen mit der Nacht­sicht­technik ist gewiss nach erfolg­reichem Beute­griff wohl noch „Dankbarsein“ – aber „Schauen“, oder „Sinnen“…?

Der Jäger – der Knecht der Technik

Letztlich werde ich durch diese reine Nachtjagd doch zum nahezu vollstän­digen „Knecht jener Technik“: ohne jene Technik ist die tiefdunkle Nacht ein schlichtes jagdliches Nichts – und das war sie ja auch, außer zu den Mondjagd­zeiten, über etliche tausende von Jahren, ja in der ganzen jagdlichen Evolu­ti­ons­ge­schichte des Menschen. Klar, wir treten nun mit dem neuen modernen digitalen Zeitalter wohl in eine neue evolutive Ära des Mensch­seins ein. Bei der Jagd habe ich häufig aber eher das Gefühl, dass der technische Fortschritt zumeist eher ein jagdlicher Rückschritt ist. 

Früher musstest Du als fähiger Jäger Wechsel und Wege des Wildes kennen, dich hinein­fühlen in Revier, Jahreszeit, Witterung, Stunde und Stimmung – heute streut man Maiskörner umher, liest Wildka­meras aus, kauft sich die rasan­teste Fernbüchse und clickt bei Bedarf dann ein bisschen am Zielfernrohr herum – so kommt man auch „auf große Entfernung“ wieder „ganz nah zurück an den Busen der Natur“???.

Und wir verlieren ein Wort: „Im letzten Licht“

Jenes von uns so oft genutzte Wort: „Im letzten Licht kam er/ stand er da/ zog er fort… – auch es verschwindet. Bald gibt es im Zeitalter des machbaren nächt­lichen Jagens dieses schöne geradezu jagdro­man­tische Wort kaum mehr: „Im letzten Licht“!

Der Jäger – der wache Mensch!

Ortega y Gasset hat einmal den schlichten Satz geprägt: „Der Jäger – der wache Mensch“. Mit wach sein meinte er gewiss „mit allen Sinnen die Umgebung und die Welt prüfen und bereit sein selbst den kleinsten Hinweis auf Wild zielführend zu nutzen“. 

Den „wachen Menschen“ kann man aber natürlich auch im Sinne der „Neuen Nutzung der modernen Technik“ inter­pre­tieren: Bereit sein innovative hochtech­nische Werkzeuge in der neuen Situation einer rigorosen Wildbe­kämpfung zielführend einzu­setzen – das kann „wach sein“ vielleicht auch heißen.

Burkhard Stöcker

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