Aktuelles
10.05.2022

Vom Wert zur Wildnis

Wir alle träumen gelegentlich von ihr und wünschen sie uns auch immer mal wieder herbei: im Fernsehen, im Urlaub, in der heimi­schen Landschaft (manche auch, aber viele ungern: Im Garten) – die Wildnis!

Sie gehört in der zivili­sierten Welt ohne Zweifel zu den stark bedrohten Minder­heiten und steht neben zahlreichen wildle­benden Pflanzen und Tierarten ganz oben auf der „Roten Liste der bedrohten Erscheinungen“!

Das von der Bundes­re­gierung schon vor einiger Zeit ausge­gebene Ziel von zwei Prozent zukünf­tiger Wildnis in unserem Lande nimmt sich rein rechne­risch eher bescheiden aus. Aber selbst diese zwei Prozent führen an allen Ecken und Enden zu einem wilden Tauziehen zwischen sämtlichen Betei­ligten: Weil nun einmal schon nahezu jeder Quadrat­meter einer klar definierten Nutzung unter­liegt! Dem Natur­schutz sind die zwei Prozent jedoch längst nicht genug – den Landnutzern hingegen schon viel zu viel.

Was ist Wildnis

„...ein durch Menschen nicht beein­flusster oder regulierter Zustand…“. Das können schon der Brenn­nes­sel­horst im Garten oder die unlieb­samen Ameisen in der Küche sein. Zwei Wildnis­zu­stände, die den meisten Mitbürgern wohl eher unliebsam sind. Die „Fernab-und-Zeitweise-Wildnisse“ in TV und Urlaub werden jedoch gerne genommen, da sie in einer dosierten Form ja in der Regel immer mit den angenehmen Begleit­erschei­nungen der Zivili­sation serviert werden. Hunger, Kälte, Raubtiere, Giftschlangen und Co. kommen darin stets maßvoll und auf Distanz vor.

Wirklich primäre Wildnis, also vom Menschen nie oder nicht beein­flusste Räume, haben wir in Mittel­europa schon längst nicht mehr. Wenn wir einen sehr engen Maßstab anlegen (wie den globalen Schad­stoff­transport bspw. Mikro­plastik) verfügen wir sogar weltweit nirgends mehr über Wildnis: Selbst im tiefsten Amazonien oder im entfern­testen Eis der Antarktis finden wir leiseste Spuren unseres Wirkens. 

Dies wird allseits als Verlust beklagt, denn Wildnis hat offenbar einen hohen Wert. 

Welchen Wert hat Wildnis?

Wildnisse sind ohne Zweifel Horte der Arten­vielfalt, Rückzugs­ge­biete für scheue und schöne Tiere, meist riesige CO² Senken und sie puffern die Gebärden der Zivili­sation wie bspw. den Klimawandel.

Wildnis ist aber weitaus mehr.

Wildnisse sind Überraschungsräume

Der Fichten­forst stirbt und dazwi­schen keimt das neue, junge Baumleben – Wildnis kann Wald meist besser!

Dort wo wir als Menschen nicht eingreifen, nicht planen und nicht regulieren, wo wir uns also konse­quent raushalten, passieren in der Natur immer wieder absolut überra­schende Dinge.

Eines der schönsten Beispiele aus den letzten Jahren ist die Wildnis­ent­wicklung im Natio­nalpark Bayeri­scher Wald. Unter den großflächig abster­benden, natur­fernen Fichten­be­ständen explo­dierte das neue Waldleben in Form von Rotbuchen, Bergahorn, Weißtanne, Vogel­beeren usw. Die Waldnatur zeigte uns wie man wirkliche Wälder baut – die Natur hatte den größeren forst­lichen Sachverstand!

Wildnisse sind Denkräume

In der Wildnis, in der die geome­tri­schen Formen unserer durch­ge­planten Welt kaum mehr zum Ausdruck kommen, in der die Quader­formen der Häuser, die geraden Linien der Acker­furchen oder die Geometrie unserer Planta­gen­wälder nicht mehr präsent sind – lassen die Gedanken anders wandern. Die für uns oft scheinbare Unordnung der Wildnis (die natürlich nur ihrer eigenen Ordnung folgt) führt auch uns in eine andere mentale und gedank­liche Ordnung. Wildnis inspiriert. 

Wildnisse sind Innere-Einkehr-Räume

Die Hände in den Schoß zu legen, nicht selbst Hand anzulegen, ist in einer Welt des Machens und Schaffens eine wahrlich ernst­hafte Übung.

Und so wie für viele von uns das Nichtstun geübt und prakti­ziert werden muss, so darf auch die Gesell­schaft lernen, dass es Räume geben muss, die nicht begut­achtet, nicht beplant, nicht beherrscht werden müssen. 

Einen nicht gestal­teten Natur-Raum zu bewahren, ihn vor jedem zivili­sa­to­ri­schen Zugriff zu schützen setzt auch Beschei­denheit und Demut voraus. Eine Beschei­denheit und Demut, die angesichts aller techni­schen Allmachts­fan­tasien wohl auch in und mit der Wildnis geübt werden darf. 

Wildnisse sind Ursprung aller Kultur

Wir müssen uns aber auch immer wieder darüber klar werden, dass alle Gebärden unserer Kultur – letztlich auch der Wildnis entstammen. Der ameri­ka­nische Wildbio­logie und Umwelt-Ethiker Aldo Leopold sagte einst treffend: „Die Wildnis ist das Rohma­terial, aus dem der Mensch das Kunst­produkt gemeißelt hat, dass als Zivili­sation bekannt ist“.

Und wenn wir uns dieses Ursprunges als „Urquell all unserer Kultur“ immer wieder bedienen wollen, als Inspi­ration für Musik, Malerei, Literatur, Wissen­schaft, müssen wir Wildnis bewahren. 

Und je unver­fälschter wir dies tun, desto reicher wird auch letztlich die Kultur sein, die wir daraus ernten.

Burkhard Stöcker

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