Aktuelles
03.11.2020

Wälder – Wohin?

Der Wald stirbt? „Schon wieder“ werden jene mit den Augen rollen, die vor gut drei Jahrzehnten auch schon das damalige Waldsterben medial und plastisch miter­lebten. Damals wars der „Saure Regen“, heute ist es der „Klima­wandel“. Es gab damals ohne Zweifel den sauren Regen und durchaus auch Waldschäden und es gibt auch heute wieder ohne Zweifel einen Klima­wandel und auch die Waldschäden.

Und der Wald stirbt davon heute genauso wenig wie vor drei Jahrzehnten – er verändert sich – wie so manche Wälder auch vor drei Jahrzehnten.

Was man im derzei­tigen medialen Rummel aber geflis­sentlich vermisst ist der „hausge­machte Beitrag“ zum Waldsterben 2.0 – und damit meine ich nicht den menschen­ge­machten Klimawandel…

Waldboden – die Wachstumsgrundlage

Die Grundlage jeden Wachstums auf diesem Planeten ist der Boden. Und dieser Boden muss in der Lage sein Nährstoffe und Wasser zu speichern um diese dann an die Pflanzen abzugeben. Ein vitaler, wasser­auf­nah­me­fä­higer Boden ist die Basis für jegliches Wachstum, ob er nun Wald trägt, Grünland oder Acker. Böden sind von Natur aus zumeist „feinst porige Agglo­merate“ die, genau wie ein Schwamm, in ihren winzigen Poren und Zwischen­räumen enorme Mengen Wasser speichern können.

Forst­ma­schinen schwer wie Panzer

Es gibt Waldstandorte und Böden die brauchen Jahrzehnte bis Jahrhun­derte bis sie sich von einem Harve­s­ter­einsatz wieder erholt haben. Foto: Rüdiger Wnuck

Inzwi­schen seit Jahrzehnten nutzt die konven­tio­nelle Forst­wirt­schaft für die Holzernte sogenannte „Vollern­te­ma­schinen“, auch Harvester genannt. Diese Forst­ma­schinen wiegen im Extremfall bis zu 60t. Mit ihnen wird entweder von Rücke­gassen aus gearbeitet, zuweilen fährt man jedoch auch kreuz und quer durch die Wälder. Durch das Befahren mit den schweren Maschinen und durch die enormen Boden­er­schüt­te­rungen (arbei­tende Harvester in Wäldern wirken ähnlich wie eine Rüttel­ma­schine zur Boden­ver­dichtung!) sind zahlreiche Böden inzwi­schen „kompak­tiert und zusam­men­ge­staucht“. Derartig verdichtete Böden können bis zu 90% ihrer Wasser­auffnah­me­ka­pa­zität verlieren. Und diese Maschinen-Arbeit mit den Harve­stern ist inzwi­schen seit vielen Jahren fast überall forst­liches Standardverfahren!

Boden­de­gration durch Entwässerung

Unser gesamtes ursprünglich einmal moorreiches Bundes-Land ist von Entwäs­se­rungs­gräben und Drainagen durch­zogen. Es wäre einmal inter­essant zu erfahren wie viele unsere heimi­schen Waldstandorte noch über ihr ursprüng­liches Wasser­regime verfügen. Ich befürchte, dass der weit überwie­gende Teil der Waldflächen in MV inzwi­schen einen gestörten Wasser­haushalt hat. Wenn ich daran denke mit welchen Gefühlen ich im Verlaufe der letzten drei Trocken-Jahre das Wasser nach den wenigen Regen­fällen per Entwäs­se­rungs­graben vielerorts „aus den Wäldern rauschen“ sah?

Wir müssen überall in unserem Land unsere Entwäs­se­rungs­systeme überdenken, überprüfen und ggf. an die neuen Verhält­nisse anpassen. Das kann mancherorts heißen: Rückbau der Entwäs­se­rungs­systeme, andernorts: intel­li­gente Rückhalt­systeme für Wasser schaffen.

Acker­bau­me­thoden in der Forstwirtschaft

Leider werden immer noch (glück­li­cher­weise in immer selte­nerer Form) in manchen Wäldern natur­ferne „forst­liche-Acker­bau­me­thoden“ prakti­ziert: Kahlschlag, Beräumung der Fläche (z.T. mit Raupen­fahr­zeugen), Acker­ähn­licher Umbruch der Flächen, Neupflanzung mit z.T. ungeeig­neten oder stand­ort­fremden Baumarten.

Auch mit dieser Bewirt­schaf­tungsform werden die Vitalität vieler Böden, die nachhaltige Wuchs­kraft der Waldstandorte und die Wider­stands­kraft der Wälder massiv beeinträchtigt.

Auffors­tungen nivel­lieren klein­räu­miges Standortmosaik

Auffors­tungen berück­sich­tigen in den seltensten Fällen das oftmals extrem klein­räum­liche Stand­ort­mosaik in Wäldern. In Natur­ver­jün­gungen in denen manches Mal mehrere zehntausend Pflanzen auf dem ha wachsen setzen sich klein­räumig die am besten angepassten jungen Bäume durch. Natur­ver­jün­gungen sind fast immer stand­ort­ge­rechter und vitaler als künstlich begründete Forstbaumkulturen.

„Protzen­be­sei­tigung“ – die vitalsten Bäume wurden entnommen

Die forst­liche Baum-Selektion im Rahmen der „ordnungs­ge­mäßen Bewirt­schaftung“ zielte jahrzehn­telang auf eine nahezu „indus­trielle Gleich­schaltung der Baum-Individuen“: Die vorwüch­sigsten, vitalsten, dominan­testen Exemplare, „Protzen“ genannt, wurden häufig frühzeitig heraus­ge­schlagen. Sie entsprachen nicht der Norm. So wurden mancherorts über viele Jahrzehnte häufig die auf jenem Standort am besten angepassten Bäume vorzeitig entnommen. 

Kaum noch ein natür­liches Waldkleid

Auf kaum einem Standort findet sich daher heute noch das natürlich vorhandene, an den Standort gut angepasste Waldkleid – vielerorts prägen stand­ort­fremde, mancherorts völlig exotische Baumarten das Waldbild.

Nur Baumarten und Wälder die an den Standort optimal angepasst sind können jedoch auch Witte­rungs­schwan­kungen und Witte­rungs­ex­tremen erfolg­reich trotzen.

Unter der nordame­ri­ka­ni­schen Roteiche erstirbt in Europa das Boden­leben – das Laub kann von heimi­schen Organismen kaum zersetzt werden. Im Hinter­grund Kiefern auf gleichem Standort mit reichem Boden­leben an Heidel­beere. Foto: Urs Hanke

Nichtstun ist oft der bessere Förster

Aus vielfäl­tigen Forschungen zur „Störungs-Ökologie“ in Wäldern wissen wir inzwi­schen: Wälder in Europa regene­rieren sich nach wie auch immer gearteten Katastrophen (Sturm, Trockenheit, Käfer) wieder zügig und vital von selbst!

Und zwar regene­rieren sie sich häufig am erfolg­reichsten wenn man nicht hektisch anfängt den ganzen „devas­tierten“ Wald aufwendig technisch zu besei­tigen – „Aufzu­räumen“. Besonders zwischen dem abgestor­benen und zusam­men­ge­bro­chenen Wirrwarr alter Bäume und Stämme entwi­ckelt sich ein neuer vielfäl­tiger Wald. Die vermutlich seit Jahrzehnten am meisten unter­schätzte forst­liche Tugend ist das schlichte, einfache Nichtstun! Ein sinniger forst­licher Berater wäre wohl schon vor vielen Jahren Oskar Wilde gewesen: “Nichtstun ist die aller­schwie­rigste Beschäf­tigung und zugleich diejenige welche am meisten Geist voraussetzt“.

Wald wächst in Mittel­europa – von alleine!

Überall würden von Natur aus Bäume wachsen – zumindest Birken, Pappeln oder andere Pionier­baum­arten würden „ruckzuck“ wieder einen Wald entstehen lassen. Und dieser Naturwald würde wohl zukünf­tigen Klima­ex­tremen gewiss besser stand­halten als die von der Forst­partie nun gefor­derten großflä­chigen Neuaufforstungen.

Nur würde dieser „Spontane Naturwald“ häufig nicht den Nutzholz­an­for­de­rungen genügen die sich Waldbe­sitzer und Forst­wirt­schaft nun zügig wünschen.

Und wenn auf den jetzt neu zu bewal­denden Stand­orten auf absehbare Zeit allein durch Natur­ver­jüngung keine „forstlich relevanten Baumarten“ mit im Spiel sind, kann auch durchaus mit Pflanzung oder Saat einmal ein bisschen nachge­holfen werden.

Aber bitte nicht mit konse­quent flächiger Pflanzung, die den natür­lichen Wieder­be­wal­dungs-Prozess praktisch ausschließt!

Mit Natur­ver­jüngung zu arbeiten ist leider in manchen Forst­be­trieben immer noch ein Fremdwort. Foto: Burkhard Stöcker 

Natur­ver­jüngung? Geht fast immer!

Wenn aber im Umfeld der zusam­men­ge­bro­chenen Wälder vitale wirtschaftlich relevante Baumarten wie Buchen, Eichen, Ulmen, Eschen, Ahorne, Tannen usw. vorhanden sind – ist in den meisten Fällen eine aufwendige künst­liche Aufforstung und Pflanzung schlichtweg entbehrlich. Und wenn dort dann auch einmal wieder ein paar Fichten in der Natur­ver­jüngung der anderen Baumarten mit anfliegen, sei‘s drum: Wächst die Fichte einzeln und ungleich­artig im Misch­be­stand mit anderen Baumarten sind diese Exemplare deutlich resis­tenter gegenüber Trockenheit und Borken­käfer. Die Fichten, die im monotonen Einheits­forst „ständig stramm stehen“ mussten, sind nun einmal deutlich gefährdeter!

Das „Eiserne Gesetz des Örtlichen“

Wie immer gilt auch bei der Aufgabe des großflä­chigen Umbaus der Wälder das sogenannte „eiserne Gesetz des Örtlichen“: Was an einem Ort gut und sinnig ist (oder dort gut klappt) muss andernorts nicht zwangs­läufig auch funktio­nieren. Je nach Standort und Umfeld müssen allerorts kreative Lösungen gesucht und gefunden werden. Dabei sollten wir aber – deutlich mehr als in früheren Jahren – darauf schauen was der Wald uns „vor Ort sagen und zeigen will“!

Nach den extremen Witte­rungs­e­rei­gi­nissen der letzten Jahre sind zahlreiche Wälder und Baumarten betroffen. Es zeigt sich aber: Wälder die aus ihren natür­lichen Baumarten bestehen, naturnah bewirt­schaftet wurden oder auf Stand­orten stocken die nicht künstlich verändert wurden – kommen mit der jetzigen Wald-Krise deutlich besser zurecht!

Das mittel­eu­ro­päische Baumar­ten­spektrum bietet auch für die heutige Situation und für die ungewisse Zukunft für alle Standorte und  Witte­rungs­ex­treme passende Lösungen an.

Wir müssen unser Heil jetzt keines­falls wieder in mediter­ranen oder übersee­ischen oder gar in tropi­schen Baumarten suchen, das wäre einmal wieder ein „neuer Holzweg“.

Naturnahe heutige Wälder und die Reste natür­licher Wälder in Mittel­europa sollten uns den Weg in eine neue forst­liche Zukunft weisen!

Burkhard Stöcker

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