Aktuelles
12.05.2020

Wege und Bankette – bedrohte Saumstruk­turen!

Die illegale Nutzung von Saumstruk­turen jeglicher Art ist kein Kavaliers­delikt, sondern ein rücksichts­loses Handeln gegenüber der arg geschun­denen Restnatur – auf jedem Quadrat­meter braucht sie heute unsere engagierte Hilfe!

Ich erinnere mich noch gut an viele Bilder aus meiner münster­län­di­schen Jugend: unzählige Sandwege durch­schnitten das Land, jeder gesäumt von Meeren aus Vogel­wicke, Rainfarn, Margerite und Beifuß. Auf den Sandwegen führten die Rebhuhn­mütter ihre Jungen spazieren und immer wieder verschwanden alt und jung im dichten Dschungel der Wegraine – sie boten Schutz und Nahrung. Der Falterflug entlang der Sandwege war Legende und im Spätsommer konnte man kaum einen Meter zurück­legen, ohne von einem Schmet­terling eskor­tiert zu werden.

Foto: Franz W.
Viele Quadrat­meter im Revier verschwinden ganz langsam und unmerklich. Manchmal werden Jahr für Jahr immer nur ein paar Zenti­me­terchen vom Wegrand mit umgebrochen.

In die zahlreichen Böschungen der alten Sandwege legten die Kaninchen ihre Baue – die Kräuter und Gräser der Wegraine ernährten ihre Jungen. Und unsere kindlichen Streifzüge entlang der Wege begleitete im Sommer der Wachtel­schlag, der Gesang von Lerche und Nachtigall, von Kiebitz und Brach­vogel.

Sandwege sind seltene Erschei­nungen geworden. Sie sind dem Teer gewichen, der die großen Landma­schinen heute vom Hof zum Acker bringt. Doch die Wegraine und Feldränder müßten eigentlich noch da sein, müßten – doch auch sie sind zu einem großen Teil verschwunden.

Auch dieses Maisfeld ist direkt bis an den Asphalt gepflanzt worden.

Dass es sich dabei keines­falls um ein spezi­fi­sches Problem meiner münster­län­di­schen Heimat handelt, läßt sich überall in unserem Lande nachprüfen – überall sind Weg- und Feldraine inzwi­schen Mangelware geworden.

Leider haben diesen unüber­seh­baren, seit Jahrzehnten anhal­tenden Schwund, bisher kaum Gemeinden oder Kreise einmal nachge­prüft, belegt oder gar ausge­messen. Mit wenigen Ausnahmen: Vor fast zwei Jahrzehnten wurde in einer norddeut­schen Gemeinde ein Projekt zur Erfassung der Wegraine und Wegränder gestartet. Auf einer Gesamt­fläche von 6.500 ha wurden fast 130 Wegstrecken erfasst, zum Teil gar vermessen.

Erstaun­liches kam zu Tage: 100.000 qm an Wegrändern und Wegrainen wurden durch die Landwirt­schaft illegal mitge­nutzt. Dies waren auf die Fläche der gesamten Gemeinde hochge­rechnet nur 0,14 % – aber 10 ha = 13 Fußball­felder oder auch: 10 ha Rebhuhn­brache, 10 ha Hasen­kin­der­stuben, 10 ha blühende Schmet­ter­lings­wiesen!

Wenn wir nun davon ausgehen, daß dies kein bundes­weiter Ausnah­mefall ist, sondern wohl eher die Regel darstellt, können wir einmal eine grobe Hochrechnung auf die Republik­fläche wagen. Wir lassen dabei logischer­weise Forst­flächen, Verkehr und Infra­struk­tur­flächen außen vor und setzen einmal die Hälfte der Fläche unseres Landes als landwirt­schaft­liche Nutzfläche an (exakt sind es 54,1 %), ca. 175.000 qkm. Rechen wir davon 0,14 % sind dies 24.500 ha oder 245 qkm!

24.500 ha Rückzugs­ge­biete für Tiere und Pflanzen, 24.500 ha Biotop­verbund in ausge­räumter Agrar­land­schaft.

Das klingt als Fläche, bundesweit betrachtet, erst einmal gar nicht so bedeutend – 40.000 ha verschwinden alleine jedes Jahr für Straßen, Gewerbe und Wohnungsbau!

Foto: Burkhard Stöcker
Wenn jedes Jahr ein paar Zenti­meter mehr unter­ge­pflügt werden, dann wird auch bald dieser Weg Geschichte sein und das Feld direkt bis zum Hecken­streifen reichen.

Richtig inter­essant wird es aber, wenn wir uns diese Fläche wirklich als einen Meter breiten Streifen vorstellen, der sich kreuz und quer durch unser Land zieht! Dann ist dies nämlich ein „ökolo­gi­scher Lindwurm“ von 245.000 Kilometer Länge – sechsmal um den Erdball!

Und auf diese 245.000 km biolo­gische Ausgleichs­fläche müssen jedes Jahr Rebhuhn und Hase, Wachtel und Feldlerche verzichten – ganz zu schweigen von den Heerscharen von Insekten und Klein­getier.

Wenn wir uns dieses Phänomen klarmachen und diesem Umstand die an sich schon lebens­armen, großflä­chigen Acker­steppen und die fehlenden Hecken und Klein­ge­wässer der „Postflur­be­rei­ni­gungs­land­schaften“ noch an die Seite stellen – wundert sich wohl kaum jemand mehr über so etwas wie eine „Nieder­wild­misere“!

Und mögli­cher­weise ist dies noch nicht einmal das Ende der Fahnen­stange. Was wird wohl entlang von Hecken, Waldrändern, Gewässern unter den Pflug genommen ohne dass dies überhaupt auffällt? Wer, bitte schön, regis­triert denn in der Landschaft diese kleinen schlei­chenden Verän­de­rungen?

Acker bis an die Fahrbahn reichend.

Entlang der Wege ist es oft auffällig, wenn direkt bis an die Fahrkante gepflügt wird. Aber entlang der Hecke, am Waldrand oder gar am Gewässer merkt es doch erst recht niemand, wenn mal hier oder dort ein weiterer Meter abgezwackt wird!

Dieser Umstand, die mögliche illegale Nutzung von 245.000 km ökolo­gi­schem Ausgleichs­streifen bundesweit, ist ein betrüb­licher, ja im Grunde ein untrag­barer Zustand.

Vielen Jägern fallen diese Phänome sicherlich häufig ins Auge, aber es passiert nichts – die Landwirte sind nämlich ja auch Jagdge­nossen und man möchte natürlich das Revier auch in ein paar Jahren nochmal pachten und geht derar­tigen möglichen Konfron­ta­tionen gerne aus dem Weg.

Bevor jedoch jetzt jeder Landwirt argwöh­nisch beäugt wird, muß erst einmal die Situation vor Ort exakt erfasst werden: Nicht bei jedem nur schwach besäumten Weg, der direkt an einen Acker angrenzt, handelt es sich um eine illegale Nutzung. Wichtige Hinweise geben im Gelände vor allem alte Grenz­steine – liegen dieselben mitten im Acker, stimmt meistens etwas nicht.

Am sinnvollsten ist natürlich ein Blick ins gemeind­liche Katas­ter­ver­zeichnis und ein Abgleich der dortigen Zahlen mit den Wegebreiten in der Realität. Sehr hilfreich sind in diesem Zusam­menhang auch alte Luftbilder, die häufig sowohl die ursprüng­lichen Weg- und Feldraine als auch früher vorhandene Wege zeigen. Sie liefern oft inter­es­sante Anhalts­punkte für frühere oder auch aktuelle schlei­chende Verän­de­rungen. 

Gibt es nun im Revier deutliche Hinweise auf eine illegale Nutzung von Saumstruk­turen ist zusammen mit einem Kollegen vor Ort oder zusammen mit dem örtlichen Bürger­meister der Kontakt mit den Landwirten zu suchen. Es gibt schöne Beispiele, bei denen ein engagiertes, beherztes Gespräch zu einem Umdenken und schließlich auch zu einem Umhandeln der Betei­ligten geführt hat.

Jeder Zenti­meter mehr Seiten­streifen hilft!

An der norddeut­schen Natur­schutz­aka­demie nahm der damalige Leiter Prof. Vauk sich vor etlichen Jahren dieses Themas an. Mit Hilfe eines engagierten Ortsvor­stehers gab es einen Erfolg in einer kleinen Gemeinde der Lüneburger Heide: Landwirte ließen ihre Flächen links und rechts eines asphal­tierten Feldweges wieder ungenutzt liegen. Im folgenden Jahr wurden alte Obstbaum­sorten gepflanzt und eine Hecke angelegt.

Jetzt profi­tieren nicht nur Hase und Rebhuhn, sonder auch obsthungrige Mäuler (Herr von Ribbeck läßt schön grüßen!) von den inzwi­schen heran­ge­wach­senen Bäumen.

Man kann aus der Sicht eines Jagdpächters Verständnis dafür aufbringen, dass er nur selten Landwirte direkt auf Mißstände in seinem Revier aufmerksam macht. Wie obiges Beispiel jedoch gezeigt hat, kann ein offenes Gespräch aller Betei­ligten, mögli­cher­weise unter Moderation engagierter, starker Persön­lich­keiten, zu positiven Ergeb­nissen führen.

Wer das Verschwinden von Feld- und Wegrainen im Revier hingegen still duldet, „versündigt“ sich nicht nur an der Natur des eigenen Revieres, sondern verzichtet auch schlicht auf einen nachhal­tigen Jagdertrag an Niederwild! Rechnen sie ruhig mal einen Hasen oder ein Rebhuhn pro 100 m langem und 1 m breitem Wegrand!

Zeigt sich aber bei den entspre­chenden Landwirten keine Bereit­schaft zur Einsicht, sollte die zuständige Natur­schutz­be­hörde auf die Umstände aufmerksam gemacht werden.

Viele Quadrat­meter im Revier verschwinden ganz langsam und unmerklich. Manchmal werden Jahr für Jahr immer nur ein paar Zenti­me­terchen vom Wegrand mit umgebrochen – der Pflug arbeitet sich unmerklich zum Weg‑, Wald‑, oder Gewäs­serrand vor!

Ein positives Beispiel. Schon hier findet Niederwild in dem bewach­senen Randstreifen Deckung und auch die Insekten freut es.

Ein inter­es­santes Phänomen ist auch das völlige Verschwinden mancher nur mäßig befes­tigter Wege. Die Zusam­men­legung kleiner Flächen zu großen Bewirt­schaf­tungs­ein­heiten läßt manchen Sandweg überflüssig erscheinen und innerhalb von Minuten ist er unter einem großen, modernen Vielschar­pflug verschwunden und unauf­fällig in die Bewirt­schaf­tungs­fläche einge­bunden. 

Selbst wenn der Sandweg auch kaum Wegrand gehabt haben sollte – außerhalb der eigent­lichen Fahrspuren bleibt immer ein bißchen Raum für Gräser und Kräuter. Jeder Quadrat­meter ist wichtig!

Wir Jäger sind ständig wachen Blickes im Revier unterwegs. Dabei sollten wir auch ständig auf den Verlust selbst kleinster Saumstruk­turen achten. An erster Stelle stehen dann das wohlwol­lende Gespräch und der Versuch durch Argumente Einsicht zu vermitteln. Kommen wir damit nicht weiter, müssen wir uns Schüt­zen­hilfe bei den zustän­digen Behörden holen.

Die illegale Nutzung von Saumstruk­turen jeglicher Art ist kein Kavaliers­delikt, sondern ein rücksichts­loses Handeln gegenüber der arg geschun­denen Restnatur – auf jedem Quadrat­meter braucht sie heute unsere engagierte Hilfe!

Burkhard Stöcker

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